Museumsgeschichte
und Sammlung


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Am Anfang der Geschichte der modernen Institution »Museum« stand ein richtungsweisendes Wort, gesprochen vor gut 200 Jahren vom Revolutionär, Künstler und Museumsgründer Jacques Louis David in Paris:
 
»Täuscht Euch nicht, Mitbürger, das Museum ist keine oberflächliche Ansammlung von Luxusgegenständen oder Frivolitäten, die nur der Befriedigung der Neugier dienen sollen. Es muß eine Ehrfurcht gebietende Schule werden.«
 
Die Wirkung dieses Wortes kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Zum einen bewahrte es die königlichen Kunstsammlungen davor, das Schicksal ihrer vormaligen Besitzer zu teilen, nämlich vernichtet zu werden; zum zweiten gab es den Anstoß zur Öffnung dieser Sammlungen, als »Musée du Louvre« nicht zum Selbstzweck, sondern zum Zwecke der Bildung der »Bürger« - und »Bürger« war damals ein Kampfwort der Französischen Revolution gegen königliche Privilegien und adlige Sonderrechte, für bürgerliche Freiheit und Gleichheit.
 
Wie im nachrevolutionären Frankreich, so öffneten sich auch in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts die fürstlichen Sammlungen für das Bürgertum, ja begann das Bürgertum selbst in den großen deutschen Städten eigene Sammlungen anzulegen, der Kunst wie der Geschichte gewidmet.
  Im Ruhrgebiet waren es zuerst die Bürger der im Mittelalter so bedeutenden freien Reichs- und Hansestadt Dortmund, die 1866, angestoßen durch die Entdeckung eines Schatzes Dortmunder Münzen aus dem 15. Jahrhundert, ihre Stadtväter von der Notwendigkeit und der Sinnhaftigkeit überzeugen konnten, »die Alterthümer unserer Stadt zu sammeln, wie sich das für eine große, alte Stadt wohl ziemte« (aus einem Schreiben des Oberbürgermeisters an den Magistrat der Stadt Dortmund vom 24. Februar 1866). Es dauerte allerdings weitere 17 Jahre, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass die Denkmäler der alten Zeit mit großer Geschwindigkeit dem raschen Wachstum der Stadt und der Industrie zum Opfer fielen, und es deshalb hohe Zeit wurde, das Sammeln zu institutionalisieren. Es war der Historiker und Gymnasiallehrer Dr. Eduard Roese, der 1882 die Anregung zur Errichtung eines städtischen Museums gab, der die StadtverordnetenversammIung schließlich am 25. Juni 1883 zustimmte. In diesem Gründungsbeschluss hiess es, daß eine »Sammelstelle« angelegt werden sollte, »in welcher die in der Stadt noch vorfindlichen Gegenstände von historischem, künstlerischem oder kunsthistorischem Interesse vereinigt dem Publikum zur wissenschaftlichen Benutzung zugänglich gemacht werden sollten«.


Paxtafel mit Relief der Verkündigung, Niederlande oder Norddeutschland, Ende des 15. Jahrhunderts, Elfenbein
Für die Entwicklung dieser »Sammelstelle« zu einem ausgewachsenen Museum war für Dortmund ein Glücksumstand entscheidend: Die Ernennung des Zeichenlehrers Albert Baum zunächst (ab 1892) zum nebenamtlichen, dann (ab 1904) zum hauptamtlichen Museumsleiter. Ihm gelang in knapp zwanzig Jahren der Aufbau von kunstgewerblichen, heimat- und volkskundlichen und archäologischen Sammlungen, die 1911 siebzig Säle füllten. So groß war nämlich das Gebäude am Ostwall, das kurz vor 1875 in den strengen Formen der späten Schinkel-Schule als Oberbergamt erbaut worden war und das 1911 nach einem geschickten Umbau durch den Stadtbaurat Friedrich Kullrich auf vier Stockwerken dem »Städtischen Kunst- und Gewerbemuseum zu Dortmund« eine neue Heimstatt bot. Nach den zahlreichen Umzügen der Sammlung von den zwei Klassenzimmern in der Höheren Mädchenschule 1883 über das Alte Rathaus 1899 bis 1905 zur Alten Reichsbank am Königswall 1905 bis 1911 war dies zweifelsohne der glänzende Abschluss der ersten Periode Dortmunder Museumsarbeit.
 
Die zweite Periode sollte bis 1945 reichen; an ihrem Ende stand die Zerstörung des Museumsgebäudes am Ostwall in einer Bombennacht des zweiten Weltkriegs. Sie war nicht mehr geprägt von immensem Wachstum der Sammlungen und infolgedessen von deren stetiger Mobilität, sondern von deren wissenschaftlicher Erforschung und Neuausrichtung mit dem Schwerpunkt auf bildender Kunst im allgemeinen und mittelalterlicher Kunst in Westfalen im besonderen. Diese Periode ist aufs engste verbunden mit dem Wirken des Dortmunder Kunsthistorikers Dr. Rolf Fritz, der nach dem Tode von Albert Baum 1934 zunächst kommissarischer, ab 1936 hauptamtlicher Leiter des Museums wurde.
C.D. Friedrich - Winterlandschaft

Caspar David Friedrich, Winterlandschaft, 1811, Öl auf Leinwand
Nach einer vollständigen Neuordnung der Sammlungen, bei der das Wertvolle sichtbar gemacht und auf Überholtes verzichtet wurde, erhielt das Museum konsequenterweise den Namen »Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund«. In diese Zeit fiel auch der Aufbau der Sammlung von Gemälden der Romantik, vor allem durch den Ankauf eines bedeutenden Gemäldes von Caspar David Friedrich durch die damalige Museumsassistentin Dr. Leonie Reygers. Ihr ist schließlich auch die Überführung der Sammlungen in den letzten Kriegsjahren in vorbereitete Depots in westfälischen Schlössern und an anderen Orten zu verdanken, so dass zumindest die Sammlungen von den Zerstörungen des Krieges weitestgehend verschont blieben.
  Die dritte, die »Cappenberger« Periode des Museums begann im Sommer 1946, in einer Zeit, als die Situation zunächst hoffnungslos erschien. »Das Museumsgebäude in Dortmund war zerstört, die alten Mitarbeiter zerstreut, die Sammlungen in weit entfernte Depots aufgeteilt, schlecht bewacht und dauernd gefährdet und beschädigt, dazu die wichtigeren materiellen Hilfsmittel so wenig vorhanden wie die finanziellen« (Rolf Fritz, 1964). Es gab in jener Zeit, wie sich denken läßt, kaum ein intaktes Gebäude von ausreichender Größe, das ein Dach besaß und leer stand und ein vollständiges Museum hätte aufnehmen können. Um so glücklicher ist der Umstand zu nennen, dass es gelang, Räume im Schloss Cappenberg in der Nähe von Lünen und damit knapp 20 km von Dortmund entfernt zu mieten und die Sammlungen dort im Sommer 1946 in guten Depoträumen unterzubringen.
 
In den folgenden Jahrzehnten profitierte das Museum sicherlich auch vom einzigartigen Ambiente des Schlosses Cappenberg, bei dem sich historische Überlieferung und pietätvolle Pflege alter Tradition und alter Kunst mit einer reizvollen landschaftlichen Umgebung mischten.